Der eisige Tanz der Oder-Gänse

Winter ist ja eher nicht so meine Jahreszeit. Grau, kalt, trüb, zu früh dunkel. Das zieht sich dann über Monate hin. Doch letztes Wochenende war anders: schon seit Tagen war Frost angesagt, sogar ziemlich strenger Frost wie seit Jahren nicht mehr, mit zweistelligen Minusgraden in der Nacht. Außerdem hatte es wieder und wieder geschneit. Alles war mittlerweile von einer dicken weißen Schneeschicht bedeckt und hatte sich wie eine Daunendecke in Übergröße über alles gelegt.

An diesem Wochenende kam dann auch endlich die Sonne raus und tauchte die winterlich karge Landschaft in ein ungewohnt helles Licht. Alles strahlte plötzlich majestätisch, bekam ein neues Gesicht oder bekam überhaupt erst ein Gesicht. Denn vorher im Dauergrau erschien alles so fad, ohne jegliche Kontur.

So oder so war das schön.

Aber wir wollten auch etwas laufen, woanders die Natur entdecken, nicht nur ein paar Schritte durch den winterlichen Garten machen.

Wir hätten überall in der Gegend spazieren gehen können, alles hätte seinen Reiz gehabt, so in die winterlich weiße Zuckerwatte getaucht.

Doch dann erinnerte ich mich an ein ganz besonderes Winterphänomen, welches man nur alle paar Jahre im Winter auf der Oder beobachten kann, die sogenannten „Brieger Gänse“. Das sind nicht etwa hier überwinternde Wildgänse, sondern ganz besondere runde Eisschollen, die sich als Eiskristalle auf dem kiesigen Grund der Oder bilden und dann aufsteigen. Sie sind leichter als das Umgebungswasser und nehmen beim Auftrieb im Drehen weitere Eiskristalle auf, was ihre wulstige runde Form verursacht. Ihren Namen verdanken sie der Stadt Brieg (heute Brzeg in Polen).Das Geräusch, welches die Eisschollen beim Aneinanderstoßen machen, soll an das Schnattern von Gänsen erinnern.

Also auf zur Oder, wir haben es ja nicht weit, nur wenige Kilometer trennen uns vom Grenzfluss zwischen Deutschland und Polen. Wir hielten zunächst auf freier Strecke zwischen Hohensaaten und Hohenwutzen.

Zu spät für das Schnattern

Das erste, was uns auffiel: da schwamm gar nichts mehr, alle Eisschollen waren dick mit einander verbunden, auf der Oder keine Fließbewegung mehr erkennbar. Durch Eisverschiebungen hatten sich am Ufer schon riesige Eisstücken in den unterschiedlichsten Formationen gebildet. Sie muteten wie riesige Kristalle an und funkelten in der Sonne. Dagegen wirkten die „Brieger Gänse“ an dieser Stelle fast bescheiden.

Etwas weiter südlich in Zollbrücke konnte man die typischen runden Schollen schon besser erkennen, aber auch hier keine Fließbewegung mehr, kein „Schnattern“ – wir waren drei Tage zu spät.

Geschenke am Rand

Dafür kamen wir in den Genuss eines Abendschauspiels der besonderen Art: ein Biber, der Eis und Kälte trotzte und in aller Seelenruhe am Ufer seinem Treiben nachging. Natürlich hätte man gern ein gutes Foto von dem Kerl geschossen, doch sobald man näher kam – schwupps, war er im Wasser verschwunden, um plötzlich etliche Meter weiter wieder durch die Eisdecke aufzutauchen.

Dazu kam noch ein Sonnenuntergang vom Allerfeinsten.

Wenn die Oder Menschen sammelt

Da auch am Sonntag die Sonne lachte und der Glitzerzauber anhielt, zog es uns nochmal zur Oder. Dieses Mal wollten wir unser Glück an der Europabrücke Neurüdnitz-Siekierki versuchen.

Diese Idee hatten wohl auch andere Menschen: jetzt erst merkten wir, dass offenkundig viele lokale Medien darüber berichtet hatten. Viele Autos mit Kennzeichen aus Berlin und dem nahegelegenen Umland waren auf dem Weg dorthin, um das eisige Gänsephänomen zu bestaunen. Aber wir konnten dennoch ohne Probleme parken, und die Menschen verteilten sich in der winterlichen Weite.

Auf der Europabrücke zwischen Deutschland und Polen wehte ein eisiger Wind von der Seite, doch das war es wert, der Blick auf die phantastische Flusslandschaft mit unendlich vielen eisigen runden Gänseschönheiten, die im winterlichen Sonnenlicht bis zum Horizont glitzerten.

Und trotz des Windes wirkten alle sehr beseelt von diesem Phänomen. Das Naturschauspiel rief die Menschen zusammen in der eisigen Natur, so wie es selten geschieht. Das hatte tatsächlich etwas sehr Kommunikatives, das vereinte, das hatte Happening-Charakter.

Nichtsdestotrotz war und blieb der Wind eisig. Und da die Thermoskanne leider nicht mal zwei Stunden den Tee warm hielt, wollten wir in Zollbrücke einkehren, um die durchfrorenen Hände aufzuwärmen. Doch im Gasthaus war es wegen der Brieger Gänse so voll, dass drinnen gar nichts mehr ging.

Also bestellten wir unseren Glühwein und saßen draußen vor dem Gasthaus am Damm, eingemummelt in Decken – wie sonst im Sommer die Oder-Radfahrer. Ein bisschen Smalltalk mit Menschen, denen es ähnlich ging. Kalte Luft und Glühwein in warmen Tassen. Und dann Decken-Übergabe an die nächsten.

Kurz zusammengefasst

einzigartiger Moment